3. Technik und Ausrüstung

3.4. Die Qual der Wahl: Welches Equipment?

Die Frage nach der richtigen technischen Ausrüstung ist ein zweischneidiges Schwert: Einerseits wird sie gerne kolossal überschätzt, andererseits gibt es natürlich mehr als genug Umstände, die einfach eine gewisse Mindestanforderung an das Equipment stellen.
Foto: Benedikt Altschuh / actionpixel.de
Professionelle Fotoausrüstung von Canon: Zwei 1D-MarkII Gehäuse, 16-35mm 2.8 Weitwinkel, 70-200mm 2.8 Standardtele und 400mm 2.8 Festbrennweite. Dazu mehrere Akkus, ein 1.4x Extender und ein Blitz. Eine gute Ausrüstung erleichtert die Arbeit durch ihre Zuverlässigkeit, Vorraussetzung für gute Fotos ist sie nicht.
Foto: Benedikt Altschuh / actionpixel.de
Die Eingangs erwähnten Profis mit den langen Rohren in der Fußball-Bundesliga arbeiten zumeist mit mindestens zwei Profi-Gehäusen aus der Canon 1D oder Nikon D2 oder D3 Liga und den hochwertigsten Objektiven: 400mm 2.8, 300mm 2.8 und 70-200mm 2.8 sind Standard und auch notwendig, um im harten Konkurrenzkampf bestehen zu können. Nicht für jede Sportart und schon gar nicht für jeden Fotografen sind solche Ausrüstungen notwendig, um ans Ziel zu kommen. Nicht jeder ist bereit und fähig, tausende Euro in Equipment zu investieren.
Prinzipiell sollte sich die Wahl der Ausrüstung also erstmal am Bedarf und den Möglichkeiten orientieren: Welche Teile sind zwingend notwendig, auf welche kann man vorerst verzichten? So verlangen die meisten Feld-Sportarten zunächst nach langer Brennweite, Kleinbildäquivalente 200mm sind bei Fußball, Hockey oder Football schon knapp bemessen, aber bei entsprechender Positionierung und Motivwahl durchaus ausreichend. Sparen kann man dafür zumindest bei Tageslichtspielen etwas an der Lichtstärke, auch Blende 4.0 kann noch ausreichend freistellen.
Ganz anders sieht es bei den meisten Hallensportarten aus, gerade wenn man nicht in den großen DEL- oder Bundesliga-Hallen verkehrt sind die Beleuchtungen leider oft zappenduster. Während die meisten Indoor-Sportarten auf eher kleinen Spielfeldern stattfinden und so Tele-Brennweiten zwischen 70 und 200mm meistens ausreichen, setzen die Hallen dafür hohe Lichtstärke voraus. Blende 2.8 kann ausreichen, vielerorts kommt man sogar erst mit Blende 1.8 und ISO 1600 auf ausreichend kurze Verschlusszeiten. In diesem Fall kommt man um entsprechende Festbrennweiten kaum herum, allerdings kann man auch hier sparen: Ein 85mm 1.8 ist eine sehr gute Brennweite für Hallensportarten wie Basketball oder Handball, selbst Eishockey und Volleyball lässt sich damit gut abdecken. Konkrete Tipps bezüglich der Ausrüstung für einzelne Sportarten folgen aber im nächsten Kapitel.
Ganz allgemein lässt sich aber festhalten, dass sowohl ein lichtstarkes Weitwinkel- als auch ein entsprechendes Tele-Zoom in fast jede Sportfotografen-Tasche gehören. Brennweiten von 16-35mm und 70-200mm bei Blende 2.8 sind die Allrounder für die meisten Sportarten. Sollte 2.8 nicht mehr ausreichen, sind noch lichtstärkere Festbrennweiten in diesem Bereich zu empfehlen.
Auch zu den immer weiter verbreiteten Bildstabilisatoren in Objektiven und Gehäusen noch ein Wort: Sport ist eine der Disziplinen der Fotografie, die diese wohl am wenigsten benötigen. Dennoch können sie sinnvoll sein oder zumindest auch nicht schaden. Will man Action einfrieren benötigt man so kurze Verschlusszeiten, dass man auch mit sehr langer Brennweite kaum verwackeln kann. Den meisten dürfte die Faustformel bekannt sein, dass 1 durch die Brennweite in etwa die Freihand haltbare Verschlusszeit in Sekunden ist um nicht zu verwackeln. Hat man also 200mm Kleinbildäquivalente Brennweite, sollte 1/200s reichen um das Bild nicht zu verwackeln. Für die meisten Sportarten benötigt man zum Einfrieren der Action sogar 1/500s, das heißt selbst mit einem 500mm Objektiv sollte man diese Verschlusszeit Freihand nicht verwackeln, und in diesen Regionen kommt eh meistens schon lange ein Einbein zum Einsatz, das zusätzlich stabilisiert. Hilfreich kann der Bildstabilisator aber bei Mitziehern und zur Stabilisierung des Sucherbildes sein. Bei ersterem steuert der Stabilisator im entsprechenden Modus dem Verwackeln senkrecht zur gewünschten Bewegungsrichtung entgehen, zieht man also bei einem horizontal vorbeifahrendem Auto mit, verhindert der Stabilisator Verwackler nach oben und unten. Ein ruhigeres Sucherbild kann dafür zum Fokussieren hilfreich sein. Auch um weniger schnell bewegte Motive zum Beispiel auf der oft dunkleren Tribüne abzulichten kann ein Bildstabilisator nützlich sein. Notwendig ist er aber nicht!
Ein Fisheye-Objektiv kann noch mal ganz besondere Blickwinkel ermöglichen, allerdings sollte man es mit Bedacht einsetzen. Der Effekt wirkt schnell langweilig, wenn man es zu häufig und bei wenig spektakulären Motiven einsetzt. Ein langweiliges Bild wird durch den Fisheye-Effekt nicht besser!
Die Objektivwahl wurde hier ganz bewusst vor der Gehäusefrage platziert. Denn ein hochwertiges Objektiv trägt zu einem gelungenen Foto wesentlich mehr bei als ein topaktuelles Profi-Gehäuse. So kann zwar eine brandneue Kamera mit gutem Rauschverhalten in Sachen Bildqualität durchaus eine Blende kompensieren, in dem man die ISO einfach höher schraubt, Freistellung und Autofokusgeschwindigkeit durch mangelnde Lichtstärke des Objektivs leiden aber dennoch. Selbst Einsteiger-Spiegelreflexkameras bieten heute ein ausreichend gutes Autofokussystem, um im Servo-Modus auch schnelle Sportarten scharf ablichten zu können. Dazu sollten sie aber mit einem ausreichend lichtstarken Objektiv ausgestattet sein, das dank Ultraschallmotor auch schnell genug fokussieren kann.
Die eventuell langsamere Bildfolgezahl von 3-5 Bildern pro Sekunde lässt sich durch geschicktes Timing kompensieren, was sogar sinnvoller ist als mit 10 fps nach dem Motto „spray and pray“ draufzuhalten und zu hoffen, ein passender Moment werde schon dabei sein.
Generell sollte man also zunächst in hochwertige, lichtstarke und schnelle Objektive investieren und mit einem Einsteiger- oder Mittelklasse-Gehäuse kombinieren, als sich für teures Geld ein brandaktuelles Gehäuse zu kaufen, für das untermotorisierte Objektive den Flaschenhals darstellen. Zumal hochwertige Objektive in der Regel nicht nur deutlich preisstabiler sind als Gehäuse, die spätestens nach zwei Jahren technisch komplett überholt sind, gute Objektive überleben bei der richtigen Wahl auch schnell mehrere Gehäusegenerationen.
Auch für einen Blitz finden sich in der Sportfotografie verschiedenen kreative Einsatzmöglichkeiten, wie bereits in einem anderen Kapitel dargestellt wurde. Diese setzen aber meisten doch eine gewisse Leitzahl (Blitzstärke) vorraus, die interne Blitze von Kameragehäusen in der Regel nicht aufweisen. Systemblitze vom Kamerahersteller bieten meistens die einfachere Bedienung durch perfekt abgestimmt elektronische Blitzsteuerung, aber auch zahlreiche Produkte von Fremdherstellern verfügen heute über die meisten dieser Funktionen.
Eine ausreichend große Speicherkarte sollte ohnehin selbstverständlich sein, gerade beim Sport ist mit viel „Ausschuss“ zu rechnen, den man um nicht allzu viele neue Motive zu verpassen besser erst zuhause aussortiert. Daneben kann bei einigen Sportarten mit festem Standpunkt wie Fußball, Hockey oder Handball ein Hocker hilfreich sein, um nicht auf dem Boden sitzen zu müssen und die hohe Perspektive beim Stehen zu vermeiden. Bei schwereren Objektiven kann zudem ein Einbein hilfreich sein, es entlastet den Arm und sorgt für ein stabiles Sucherbild. Wie man seine Ausrüstung schließlich sicher verstaut und transportiert ist auch eine Frage der Notwendigkeit und des Bedarfs. Eine kleine Übersicht über die schier unendliche Zahl von Taschen, Rucksäcken und Koffern bietet die Internetseite www.taschenfreak.de. Stift und Papier klingen zwar trivial, sind aber so klein und handlich, dass sie in jede Tasche passen sollten, ein Verwendungszweck dafür ergibt sich immer wieder.
Weniger trivial sondern oft die letzte Rettung sind so genannte „Rain Cover“ für Kamera und Objektiv. Gerade in unseren Breitengraden sind Outdoor-Veranstaltungen bei Regen nun keine Seltenheit, weshalb man das Material nicht überstrapazieren sollte. Zwar bieten einige Gehäuse und Objektive inzwischen einen Staub- und Spritzwasserschutz, inwiefern man den aber ausreizen möchte ist Ermessensfrage. Oft genügt schon eine einfache Plastiktüte, um die Ausrüstung vor dem gröbsten zu bewahren. Wer eine zuverlässigere und auf Kamera und Objektiv angepasste Lösung sucht wird inzwischen bei verschiedenen kommerziellen Anbietern wie ThinkTankPhoto oder Aquatech fündig.
Zum Reisegepäck der Profis gehört darüber hinaus meistens ein handlicher Laptop mit UMTS-Karte, um Bilder von überall aus zeitnah an Redaktionen und Agenturen zu versenden. Für die Hobbyfotografen, an die sich diese Einführung richtet, ist das aber normalerweise nicht von Bedeutung, weshalb hier nicht näher darauf eingegangen werden soll.